Dementielle Erkrankungen stellen heute und mehr noch in der nahen Zukunft für professionelle Pflegepersonen und begleitende Angehörige eine große Herausforderung dar.
Alle Bemühungen um die Verbesserung der Lebensqualität der Erkrankten müssen an ihren lebensgeschichtlichen Erfahrungen anknüpfen. Erinnerungen und das Wissen um das frühere Wirken, vor allem um frühere Kompetenzen, können entlasten, stabilisieren und helfen, die Identität zu wahren.

Jede Lebensgeschichte, jede Biografie, ist so einzigartig und so unverwechselbar, wie es auch jede Person ist.
Die Beschäftigung mit der Lebensgeschichte dient dem kennenlernen und dem Verstehen des Menschen und ist unverzichtbarer Bestandteil der Lebensbegleitung älterer Personen.
Wenn sich der ältere Mensch mit seiner eigenen Lebensgeschichte beschäftigt, ist das immer ein Erinnern, also ein aktives Gedächtnistraining.

Im praktischen Umgang mit älteren Menschen ist es deshalb notwendig zu wissen, welche Ereignisse und Krisen hat diese Person im Laufe ihres Lebens erlebt und wie hat sie versucht, mit diesen Belastungen und Einschränkungen fertig zu werden.

Durch ihr Krankheitsbild ist das Kurzzeitgedächtnis oft beeinträchtigt, ihre Wirklichkeit ist eine andere als unsere. So ziehen sie sich zurück und leben oftmals in Szenen ihrer Vergangenheit. Das, was sie aktuell erleben und fühlen, kombinieren sie oft mit alten Erlebnissen, die ihnen im Langzeitgedächtnis zur Verfügung stehen (Gereben & Kopinitsch-Berger, 1998).
 
Biografiearbeit

Das Wort Biografie stammt aus dem Griechischen. „Bio“ bedeutet „Leben“ und „-grafie“ „schreiben“. Eine Biografie ist demnach eine Lebensbeschreibung, die Darstellung der Lebensgeschichte eines Menschen sowohl hinsichtlich der äußeren Umstände und Ereignisse, als auch der geistig-seelischen Entwicklung (Opitz 1998). In diesem Zusammenhang muss die Biografie deutlich von dem Begriff des „Lebenslaufs“ abgegrenzt werden.

In der alltäglichen Arbeit kann Biografiearbeit nicht nur die Qualität der pflegerischen Handlungen verbessern (edukativer Ansatz, Erhöhung der Compliance beim Patienten, höhere Berufszufriedenheit der Pflegekräfte), sondern trägt wesentlich zur Entlastung der oft angespannten psychischen und sozialen Situationen der Patienten bei.

Kreative Ideen für Interventionen mit dementen und verwirrten Menschen

Die ästhetischen kunsttherapeutischen Medien (malen, kneten mit Ton, singen, uvm.) begleiten und unterstützen das Setzen von Sinnesreizen und ihrer daraus folgenden Wahrnehmung: haptische Reize, Aromen, Klänge, Musik, Poesie und Farben. Diese Stimulation hat eine große Bedeutung in der Arbeit mit alten Menschen.

Die Lebensqualität und Verfassung eines älteren Menschen wird beeinflusst, wenn ihm der Dialog mit der Umwelt auch in Form seiner Kreativität so lange wie möglich erhalten bleibt, die Teilnahme an Gruppen und die körperlichen Fähigkeiten, wie Koordination beim Essen oder die tägliche Körperpflege verändern sich deutlich.

Für betreuende Personen schlägt die Kreativität Brücken und bietet Hilfen zur Kommunikation.

Welche Möglichkeiten bieten kunsttherapeutische Interventionen?
•    Kunsttherapeutische Interventionen führen unter anderem auch ältere Menschen an verborgene Fähigkeiten und Ressourcen heran, die zu Erfolgserlebnissen im Alltag führen
•    Wohlbefinden und die Stärkung des Selbstwertgefühls werden gefördert
•    Kunsttherapeutische Prozesse tragen zu der in der Sozialtherapie mit älteren Menschen erwünschten Biographiearbeit, bei
•    Ressourcen im verbalen und nonverbalen Bereich werden wiederentdeckt
•    körperliche Fähigkeiten gestärkt
•    kognitive und emotionale Fähigkeiten, wie Gedächtnistraining und soziales Miteinander können deutlich verbessert werden
•    Aktivieren mittelbarer und unmittelbarer Denkprozesse
•    Regulieren von Gefühlsschwankungen


Themen der biografischen Arbeit können sein
•    „Lebensgeschichte trifft Symbol – Symbole mit Lebensgeschichten/-erinnerungen/-spuren füllen“
•    „Reise in die Vergangenheit“ - zu einem Thema Erinnerungen aus der Vergangenheit sammeln

Im Gruppensetting: Individuelle Anzahl - max 6 Personen - der TeilnehmerInnen je nach Bedürfnis und Demenz-Phase der Klienten

„wer macht mit?“ -  Die Gruppengestaltung
Es ist empfehlenswert, dass sich die Gruppe aus TeilnehmerInnen idealerweise von maximal 6 Personen unterschiedlicher Demenzphasen zusammensetzt und ihre Teilnahme freiwillig ist. Die Unterschiedlichkeit belebt die Situation, fördert die Kommunikation untereinander, bietet event. gegenseitige Hilfestellung und die Eingliederung neuer Teilnehmer ist leichter. Hochbetage und sehr verwirrte Personen benötigen jedoch eine intensive, individuelle Anleitung. Die Gruppe bietet den Rahmen, des „so sein dürfen“, des „in Ordnung sein, so wie man ist“.

Die Gruppeneinheiten sollen immer im selben Rahmen ablaufen, im selben Raum und regelmäßig stattfinden. Das gibt Sicherheit, Halt und Orientierung, vermeidbare Störungen sollten abgeschirmt werden um die Konzentration der TeilnehmerInnen zu unterstützen.  

„womit wird gestaltet?“ - Das Gestaltungsmaterial
Von mir angeboten werden Ton oder Knetmasse zum Formen, Fingerfarben, Ölkreide, Wasser- oder Aquarellfarben, Aquarellstifte in unterschiedlicher Stärke, Pinsel, Zeitungen zum Ausschneiden, Scheren mit runder Spitze, Kleber in Stickform (leichter aufzutragen), Papier in verschiedenen Größen und Stärke u.s.w.
 
„was soll ich tun?“ - Die Aufgabenstellung
Das Gestalten mit kreativen und ästhetischen Medien bei an Demenz erkrankten oder verwirrten Personen verfolgt keinen lehrenden, vervollkommnenden Aspekt. Die Personen sollen nicht „zurückgelenkt“ werden in „unsere“ Welt, vielmehr sollen sie sich dem Erleben des künstlerischen rhythmischen Tuns anvertrauen, was bewirken kann, dass die Aufmerksamkeit in Bewegung kommt und das Gehirn inspiriert wird sich zu orientieren. Mit dem Stellen einer Aufgabe bekommen sie Möglichkeit sich aus ihrer engen Gedankenwelt, mit der sie „ihre“ Welt unter Kontrolle halten, zu entfernen, um sich z.B. auf die Form eines Gegenstandes zu besinnen, sich auf das Malen und die Farben einzulassen (Menzen, 2004).
Das Einladen zum Gestalten zu einem Thema z.B.: wir malen heute alle ein Haus, erleichtert den TeilnehmerInnen das Ankommen und den Einstieg in den Gruppenprozess. Durch die Inspiration des vorgegebenen Themas werden die TeilnehmerInnen unterstützt durch ihre Kreativität ihre eigene Geschichte dazu „aufleben“ zulassen und diese malerisch auszudrücken. Das gemeinsame Tun, dazu gehört auch singen, reden, beobachten im vertrauten Rahmen erzeugt das Gefühl des „Dabeiseins“ und der Zugehörigkeit zur Gruppe.

 „fertig – und was jetzt?“ –  Würdigung des Werkes
„Ich bin fertig, was soll ich jetzt tun?“, kann eine Reaktion sein, eine Andere – lehnt sich entspannt zurück und sieht zu, der Nächste macht ein Nickerchen, der Rest der Gruppe malt ohne Reaktion weiter. Für jeden Einzelnen erzählt das Werk eine Geschichte, es ist Objekt des Prozesses und will besprochen werden. Die eine Person genießt die Farben und ihr Leuchten, die andere erfreut sich über einen gelungenen Kreis. Unterschiedliche Persönlichkeitsstrukturen erlauben unterschiedliche Herangehensweisen bei der Besprechung, der extrovertierte Maler möchte sich zeigen und mitteilen, nach Anerkennung suchend. Körperhaltung und Mimik verändern sich, funkeln in seinen Augen zeigt – ich bin stolz auf mein Bild. Eine stille, eher introvertierte Frau sitzt in Mitten der Teilnehmer und genießt die Anteilnahme der Gruppe an ihrer Kugel. Es findet ein Austausch der Gedanken, Gefühle, Erinnerung unter den Teilnehmern statt  -  Mitgefühl und ein Geben und ein Nehmen. Durch das Betrachten der Werke entsteht eine Verbindung zwischen Person und Bild und den anderen TeilnehmerInnen. Diese Verbindung – Verknüpfung ist JETZT in diesem Moment – bedeutet Gegenwart, für einen kurzen Augenblick.